Leises Weinen statt großes Spektakel

Das letzte Filmfest von Festivalleiter Andreas Ströhl

Anfang und Ende dieses Filmfests sind zum Weinen. Dafür hat der scheidende Festspielleiter Andreas Stöhl mit dem Eröffnungsfilm "Der Junge mit dem Fahrrad" ebenso gesorgt wie mit dem Abschlussfilm "Le Havre". Aber oft geht man ja ins Kino, um sich bewegen zu lassen. Und Ströhl möchte mit seinem künstlerischem und gesellschaftlichen Engagement in Erinnerung bleiben.

Der Filmkritiker hat nicht unrecht, der sich beschwerte, dass dem Eröffnungsfilm „Der Junge mit dem Fahrrad“ jeder Glamour fehlt, mit dem man ein Fest beginnen sollte. Tatsächlich sind die mehr als 23 Beiträgen über das Leider der Kinder in unserer Erwachsenenwelt wenig geeignet, um Feierstimmung aufkommen zu lassen. Und dennoch wirbt Andreas Ströhl, der scheidende Filmfestchef, damit die besten Filme der Welt, die beste Auswahl seiner Amtszeit zeigen zu können. 

Ströhl: „Es ist uns gleichgültig, ob ein Film wirtschaftliches Potenzial hat. Politische Korrektheit ist uns ebenso egal wie Starpower und Berühmtheit.“ Ihm gehe es um künstlerische Qualität und kulturelle Relevanz eines Films. Dafür begibt er sich in die Gefahr dem derzeit (zu Recht) allgegenwärtigen Kinderschutztrend hinterherzulaufen. Zu seiner Verteidigung seien zwei Punkte angeführt. Zum einen sind 23 Filme gerade einmal ein Zehntel des Programms und auch auch wenn er das Thema durch den Erföffnungs- und Abschlussfilm heraushebt, beides sind wundervolle Filme, Filme zum Weinen und Hoffen. Meine Ängste Sozialisierungsfilme für das öffentliche Fernsehen zu propagieren haben diese beiden Filme zerstreut. 

Neben den Kindern sind vor allem starke Frauen die Helden des diesjährigen Filmfests. Dazwischen glänzt das Filmfest wie immer mit spannenden Einblicken in die Filme anderer Kulturen. Schweden steht in diesem Jahr im Mittelpunkt, aber auch aktuelle Filme aus Ägypten und natürlich aus Fernost und Lateinamerika. Künstlerisch Ströhl noch einmal Zeichen mit Retrospektiven für John Malkowich, dem Georgier Otar Iosseliani, der Indipendent-Icone Tom Dicillo und dem eigenwilligen Roy Andersson. 

Dazu passt, dass der Festspielleiter sich mit Reflexionen  über das Film-Genre generell verabschiedet, und insbesondere mit einer Würdigung der Billig-Produktionen a la Roger Corman (Cormans World). . 








Filmfest München 2011

Das wichtigste Thema:

Kinder sind die Helden. In unserer Welt müssen sie es sein.

In früheren Jahren:

2010: Jenseits von Bollywood
2009: TV-Vorschau und Kunst
2008: Anspielen gegen Fussball
2007: The Band's Visit
2007: J'attends quelqu'un
2007: Holunderblüte
2006: Winterreise
2004: Das Mädchen mit dem Perlenohrring


Der Junge mit dem Fahrrad

Eröffnungsfilm von Jean-Pierre & Luc Dardenne

Das Filmfest wagt mit „Der Junge mit dem Fahrrad“ einen Eröffnungsfilm fast ohne Glamour. Immerhin gewann der Film einen Preis in Cannes - ein wenig vielleicht auch, weil die beiden Belgier die weibliche Hauptrolle erstmals mit einem Star, der Französischen Schauspielerin Cécile de France, besetzt haben. Der eigentliche Held aber bleibt der vom Vater ins Heim abgeschobene elfährige Cyril.