Der Junge mit dem Fahrrad

Ein nüchternes Sozialisierungsmärchen

Das Filmfest wagt mit „Der Junge mit dem Fahrrad“ einen Eröffnungsfilm fast ohne Glamour. Immerhin gewann der Film einen Preis in Cannes - ein wenig vielleicht auch, weil die beiden Belgier die weibliche Hauptrolle erstmals mit einem Star, der Französischen Schauspielerin Cécile de France, besetzt haben. Der eigentliche Held aber bleibt der vom Vater ins Heim abgeschobene elfährige Cyril. Eine Mutter oder Geschwister gibt es nicht.

 

Die Story klingt nach einem Sozialisierungs-Drama aus dem Öffentlich-rechtlichen Programmen. Cyril mag nicht wahr haben, dass sich sein Vater abgesetzt hat, um ohne ihn ein neues Leben zu beginnen. Er ist kaum zu bändigen und büchst auf der Suche nach dem Vater immer wieder aus. Mit Hilfe der Friseurin Samantha, bei der er die Wochenenden verbringen darf, macht er seinen Vater ausfindig. Samantha erzwingt, dass dieser Cyril gesteht, dass er mit ihm nichts mehr zu tun haben möchte. Auf der Suche nach einer neuen Vaterfigur fällt er auf einen üblen Gauner herein. Cyril, von Thomas Doret, beeindruckend gespielt, ist den ganzen Film über hektisch in Bewegung, auch weil er immer wieder sein Fahrrad verteidigen muss, das aus unerfindlichen Gründen kein Schloss hat. In seiner Atemlosigkeit signalisiert Cyril (überragend gespielt von Thomas Doret) seine ständige Suche nach dem Vater, die ihm keine Zeit lässt zu sich zu kommen oder den Rest der Welt wahr zu nehmen. 

 

Vieles bleibt so unverständlich, wie das Fehlen des Fahrradschlosses. Warum kauft Samantha das Fahrrad zurück und bringt es ihm ins Heim? Warum lässt sie sich auf das Abenteuer ein, den Ausreißer an den Wochenenden zu sich zu nehmen? Warum hält sie auch dann noch zu ihm, als er gewalttätig wird? Die Antwort verbirgt sich hinter ihrer nie artikulierten Lebenshaltung, die sie dazu bringt, Cyril bei der Suche nach seinem Vater zu unterstützen. Am deutlichsten wird ihre Haltung aber, als sie von ihrem von Cyril provozierten Freund vor die Wahl gestellt wird, sich zwischen ihm und dem Jungen zu entscheiden. Sie gibt ihrem ihrem Freund den Laufpass, der nicht verstehen mag, dass der Junge nicht anders kann, er als Erwachsener aber sehr wohl. So einer könnte nie ihr Mann werden. 

 

All das transzendiert die Geschichte von einem Sozialisierungsdrama in ein nüchtern erzähltes, aber dennoch anrührendes Märchen. Einige Kritiker haben sich darüber mokiert, dass in dem sonst ohne Musik auskommenden Film plötzlich ein Klavierkonzert von Beethoven hineinplatzt. Der Autor dieser Zeilen hat sie vor lauter Tränen in den Augen nicht einmal bemerkt. Sehr wohl aber hat er bemerkt, wie die Kleiderfarben rot und blau konsequent die Emotionen der Protagonisten signalisieren - und Cyril trägt meist beides. Und er hat auch bemerkt, worauf Samanthas Erfolg bei Cyril beruht. Sie spürt, dass sie ihm nichts vorschreiben kann, dass er seine eigenen - auch schlimmen - Erfahrungen machen muss und sie unterstützt ihn dabei, anstatt ihn zu bevormunden. Es war eben doch ein Sozialisierungsmärchen.

Sonntag, 26.06.2011, 23:00
Gasteig – Carl-Orff-Saal



 

 



Filmfest München 2011

Das wichtigste Thema:

Kinder sind die Helden. In unserer Welt müssen sie es sein.

In früheren Jahren:

2010: Jenseits von Bollywood
2009: TV-Vorschau und Kunst
2008: Anspielen gegen Fussball
2007: The Band's Visit
2007: J'attends quelqu'un
2007: Holunderblüte
2006: Winterreise
2004: Das Mädchen mit dem Perlenohrring