Der unerfüllbare Traum von einem sicheren Hafen

Le Havre, der bezaubernd traurige Abschlussfilm von Aki Kaurismäki

Die Jean-Gabin-Erinnerung Marx (André Wilms) mit dem jugendlichen Helden Idrissa (Blondin Miguel).

Zwei Welten prallen in Aki Kaurismäkis  „Le Havre“ aufeinander: Untergegangene Moralvorstellungen trotzen hier unserer funktionalen Welt, in der betrügerische Finanzhaie finanziert und afrikanische Armutsflüchtlinge wie Schwerverbrecher gejagt werden. Der Regisseur ist sich bewusst, dass er in seinem „ohnehin unrealistischen“ Film keine Antworten geben kann. Stattdessen erzählt er ein verzweifeltes Märchen mit Happy End. 

In dem Schuhputzer und Ex-Bohemien Marcel Marx (André Wilms) erstehen Jean Gabins moralische Gaunerrollen und Rick (Humphrey Bogart) aus Casablanca zu neuem Leben. Sie werden gebraucht. Und auch der korrupte Polizeichef Polizeichef ist in Le Havre auferstanden, auch wenn er hier nur ein wie Cluzot aussehender Kommissar auftritt. Die Handlung spielt zum einen in einer aus den 50er imagnierten Nachbarschaftsidylle mit Kneipe, Boulangerie, Gemüsehändler und verwinkelten Vorgarten-Schuppen auf der einen Seite und dem hochmodernen Containerhafen auf der anderen Seite. 

Zur Story: In Le Havre strandet nach Wochenlanger Irrfahrt ein für England bestimmter Container, in dem die Zöllner halbverhungerte afrikanische Flüchtlinge finden. Ein schwarzer Junge entkommt der „Rückführung“ und versteckt sich im Hafen, wo ihn Marx aufgabelt, um ihm nach England zu seiner Mutter zu helfen. Dabei hat der Schuhputzer genug eigene Sorgen. Das Geschäft läuft alles andere als gut und seine Frau Arletty (Kati Outinen) musste ins Krankenhaus und schickt ihren muffigen Gatten weg, weil keine Hoffnung mehr besteht. Trotzdem versteckt Marx mit Hilfe seiner Nachbarn den jungen Idrissa (Blondin Miguel), verschafft ihm eine Schmuggelpassage nach England – auch indem er ihm ein Benefiz-Konzert organisiert. Seine Bemühungen bleiben nicht unbemerkt, so dass der ermittelnde Kommissar, der lieber Verbrecher jagen würde, mehrfach zugunsten von Marx und Idrissa eingreifen muss. „Eine wunderbare Freundschaft“ bahnt sich an. Die Flucht gelingt und wird durch ein Wunder belohnt. 

Die Handlung ist auf vielen Ebenen unwahrscheinlich. Das beginnt bei dem durchaus programmatisch gemeinten Namen der Stadt und des Helden. Die Gauner- und Bohemien-Ehre, die die Gemeinschaft um Marx zusammenschweißt, war schon immer eine filmische Fiktion, die Handlung spielt in einer Armutsidylle, die so unwahrscheinlich ist wie die alles verstehende Barfrau ein unvergessenes Klischee. Vom schuhputzenen Helden ganz zu schweigen. Real ist nur die allgegenwärtige Krise im Industriehafen, das zunehmend unmenschliche Gerangel um Geschäfte, der Druck auf die Behörden jeden Illegalen Migranten abzuschieben. Nur bei Kaurismäki wird Le Havre zum Hafen der Menschlichkeit. Und genau deshalb is sein Film so notwendig wie  „unrealistisch“.  Man möchte heulen.

Das bezaubernd traurige Märchen kommt im Herbst in Finnland und Frankreich in die Kinos und kurz danach hoffentlich auch hier. 



Filmfest München 2011

Das wichtigste Thema:

Kinder sind die Helden. In unserer Welt müssen sie es sein.

In früheren Jahren:

2010: Jenseits von Bollywood
2009: TV-Vorschau und Kunst
2008: Anspielen gegen Fussball
2007: The Band's Visit
2007: J'attends quelqu'un
2007: Holunderblüte
2006: Winterreise
2004: Das Mädchen mit dem Perlenohrring